Felix Stockert

Als Onkel Werner Bundestrainer wurde

Die Straße ist wie ausgestorben, das Wohnzimmer bebt. Werner hat Ingo und dessen Sohn Miro eingeladen; ein gutes Omen, hofft Werner. Überall hängen Deutschlandfahnen, jeder trägt ein Deutschlandtrikot. Mit überall meine ich über der Gardinenhalterung am Balkonfenster und mit jeder meine ich Onkel Werner. Bei der Nationalhymne steht jeder auf, diesmal wirklich jeder, sogar Miro, wenn auch augenrollend entnervt, als sein Vater und Werner ihn auffordernd anstarren.

»Einigkeit und …«

Der Rest vernuschelt in zwei grauen Bärten.

Dann endlich Anstoß, Deutschland gegen Tuvalu, Auftakt zur WM im eigenen Land.

Das Spielt dümpelt vor sich hin. Dümpel, dümpel, dümpel, dümpel, dümpel, dümpel, dümpel, dümpel, dümpel, dümpel, dümpel, dümpel, dümpel, man könnte einen ganzen Roman mit nur einem Wort füllen, dümpel, dümpel, dümpel, dümpel, dümpel, dümpel, dümpel, dümpel, so zähflüssig zieht es sich dahin, dümpel, dümpel, dümpel, dümpel, dümpel, dümpel, Ball nach

rechts

und dann nach

links

und dann nach

rechts

und dann nach

links

und dann nach

rechts

und dann nach

links

und dann nach

rechts

und dann nach

links

und dann mal ein Einwurf. Später eine Ecke, dann ein Freistoß in Richtung Westkurve.

»Auf geht’s, Deutschland!«, klatscht Onkel Werner begeistert in die Hände, als sich in der 37. Minute mal ein Ball grob in Richtung des gegnerischen Tors verirrt. Es ist der letzte Ausbruch von Euphorie in diesem Spiel. In der zweiten Hälfte gibt es zwar reichlich Torchancen, in der 52. Minuten und dann gleich noch eine in der 54. Minute und auch später in der 70. Minute, nur leider keine für Deutschland.

»Die Tuvaler haben den Vorteil«, sagt Werner irgendwann, »dass die nicht so viel Talentscouting betreiben müssen. Auf einer Insel mit 9.000 Einwohnern hast du die besten elf schnell beisammen.«

Auch die Verlängerung lässt sich mit einem Wort beschreiben, nämlich – Sie werden es erahnen -: dümpel.

Während des Spiels haut Onkel Werner Weisheit um Weisheit raus. Etwa: »Man müsste mal wieder mehr auf Jugendförderung setzen und diese ganzen überbezahlten Söldner einfach abschießen!«

Oder: »Die müssen mehr über die Außen kommen, mensch!«

Oder: »Da fehlt einfach die letzte Konsequenz!«

Oder: »Die haben kein Feuer mehr im Bauch, das merkt man!«

Oder: »Das kannst du nicht spielerisch lösen, das ist einfach auch Kopfsache!«

Spätestens beim 0:1 im Elfmeterschießen hat Werner und mit ihm zusammen +/- 80 Millionen Deutsche kein Bock mehr. Aber das Schicksal meint es böse mit ihnen heute Abend, und so verliert Deutschland sein Auftaktspiel gegen den Kleinstaat Tuvalo chancenlos im Elfemeterschießen 0:5.

Die Pressekonferenz ist ein Desaster. Stühle fliegen. Der Bundestrainer reißt sich sein Shirt vom Leib, springt auf sein Podium und brüllt: »IHR WOLLT MICH ANS KREUZ NAGELN?! IHR WOLLT MICH ANS KREUZ NAGELN?! DANN TUT ES DOCH!«

Beim DfB glühen die Leitungen durch. Sieben Funktionäre, dreizehn Vorsitzende und ein Präsident und ein Vize treten keine zehn Minuten später zurück.

Am nächsten Tag tritt ein sichtlich genervter Interimspräsident ans Mikrofon.

»Wir haben keine Lust mehr«, sagt er, »auf das ganze Genöhle dauernd. Die Mannschaft spielt scheiße und wir haben 800 Millionen Bundestrainer da draußen. Statt also irgendeinen zu ernennen, richten wir jetzt eine Lotterie ein. Jeder der will, kann kommen. So, ich hab Feierabend.«

Fragen werden keine beantwortet. Die Lotterie findet statt. Sieger und künftiger Bundestrainer: Onkel Werner Ratnic aus Emmendingen, Hausmeister in Frührente, zweimal geschieden, das erste Bier um zehn.

»Deutschland muss wieder mit Feuer spielen«, sagt er der Mannschaft. Die versteht sein Genuschel gar nicht, aber seine Mimik versteht sie. »Feuer! Kennst du Feuer?«, fragt er den dunkelhäutigen Stürmer. »Ja dann auf, zackig! Feuer zeigen!«

Und Deutschland zeigt Feuer. Und Deutschland gewinnt. Nicht nur das Spiel, sondern die Herzen. 2:1 gegen St. Vincent und die Grenadinen.

»Ja, gut, ganz sauber war‘s jetzt nicht, aber die Jungs haben Zähne gezeigt. Und Feuer!« Immer wieder bemüht er sich um die Feuermetaphorik.

DEUTSCHLAND BRENNT FÜR WERNER!, schreibt die BILD am nächsten Tag.

Das dritte Gruppenspiel bringt die Entscheidung. Deutschland muss jetzt gegen Kiribati zeigen, dass es nicht nur Feuer sondern auch Benzin hat. Es bleibt lange spannend, bis der dunkelhäutige Stürmer in der 37. Minute trifft! Von da an geht es munter weiter: 2:0 in der 41. Minute, 3:0 noch in der 45+4. Minute, 4:0 nach der Halbzeitpause und immer so weiter bis Deutschland am Ende mit 6:2 verliert.

»Kleiner Schönheitsfehler«, sagt Werner. »Die Jungs haben eben Bock, zu kicken. Das ist gut, da ist doch klar, dass man mal die Abwehr bisschen schleifen lässt.«

Wie der Phönix aus der Asche erhebt sich Deutschland. Sommermärchen 2.0, pack die Vuvuzela aus! Von morgens bis abends kein anderes Thema mehr, alle feiern die Nationalelf, alle feiern Werner, alle feiern und fangen Feuer!

Dann kommt der Regen und Deutschland scheitert im ersten Spiel nach der Gruppenphase an São Tomé und Príncipe.

»Die wissen halt, wie man im Regen spielt«, nuschelt Onkel Werner in seinen Bart.