Felix Stockert

  • Als Onkel Werner Bundestrainer wurde

    Die Straße ist wie ausgestorben, das Wohnzimmer bebt. Werner hat Ingo und dessen Sohn Miro eingeladen; ein gutes Omen, hofft Werner. Überall hängen Deutschlandfahnen, jeder trägt ein Deutschlandtrikot. Mit überall meine ich über der Gardinenhalterung am Balkonfenster und mit jeder meine ich Onkel Werner. Bei der Nationalhymne steht jeder auf, diesmal wirklich jeder, sogar Miro,…


  • Drachenmampf

    Sygorn war der Erste, der einen Drachen verspeiste. Über viele Jahre hinweg hatte das Ungetüm das Königreich Xanria geplagt. Sein Odem hatte Felder verbrannt, sein Flügelschlag Wälder entwurzelt, seine Krallen Jungfrauen geraubt. Bis in seinen Hort war Sygorn der Bestie nachgestiegen, nackt und mit nichts als einem Faustkeil bewaffnet. Ein ungleicher Kampf, über dessen genauen…


  • Sag nichts

    »Unser Thema heute«, sagt Frau Ömcay mit einem herausfordernden Lächeln, »ist nichts.« Die Schülerinnen und Schüler nehmen das mit der üblichen, demonstrativ zur Schau gestellten Gleichgültigkeit einer 9. Klasse zur Kenntnis. Ihre Erwartungen sind gesetzt: kurzer Lehrervortrag inklusive Arbeitsauftrag, wie immer eben. Doch was folgt, widerspricht all den festgefahrenen Routinen, die im Verlauf langer Schuljahre…


  • I didn’t read the text

    I didn’t read the text and the teacher scolded me for it. Oh, how I hate him, hate him with every fibre of my being. And in this very moment I swore in the name of all the gory gods that videogames and television have told me about, that I would make him suffer. Suffer,…


  • Irmengard

    Ein Wind aus Asche und Feuerfunken strich durch die Wälder und flüsterte ihren Namen. Irmengard. Die Feuchtigkeit der Buche fühlte sich gut an auf ihrem verbrannten Gesicht. Wie ein gehetztes Raubtier kauerte sich Irmengard an den Baum, hielt sich an ihm fest. Der Herrgott wusste, dass ihre Beine allein dazu nicht mehr in der Lage…


  • Zwei Paar Schuhe

    Fast hingebungsvoll zieht die Frau Mitte zwanzig ihren Bleistift über das Skizzenpapier, aber eben nur fast. Denn Hingabe braucht Zeit, die fehlt hier mitunter. Studium der Kunst, schon immer gezeichnet, irgendwie hier gelandet in einem Bürokomplex mitten in München. Die Streifen an den Seiten gewagt, aber die Werkstatt gibt das Okay. Zeichnen nach Auftrag, nach…


  • Loch

    Seit Jahren schon seit Jahrzehnten sogar lebt Leugnung im Loch. Ein Loch im Boden, das immer tiefer wird und immer enger wird und ihn immer mehr zu schlucken droht. Manchmal begibt sich Frohsinn hinunter ins Loch, man kann einfach hinunter laufen in das versifft-vergammelte dreckige Drecksloch und sich aufs Sofa setzen. Frohsinn darf nix sagen…


  • Am Bahnhof

    Als der Reisende erwachte und weder wusste, wo, noch wann, noch wer er war, bekam er es mit der Angst zu tun. Laut und hektisch war es überall um ihn herum. Pfeifen wurden gestoßen und zischende Züge rollten mit Donnergetöß von Gleis zu Gleis. Überall drückten sich die Menschen aneinander vorbei und bildeten ein undurchdringliches…


  • Apfel, glücklicher Apfel

    Ein Apfel fiel herab und fühlte sich ganz aufgelöst. Was war geschehen? War er nicht eben noch Teil einer großartigen Sache gewesen? Nun lag er alleine im Gras und sah sich schon verfaulen. Abgefallen bin ich, vom Baum der Erkenntnis! Beklagenswerter Apfel, nun lieg ich hier allein, nun fühl ich mich ganz klein. Die Krähe…