Felix Stockert

Drachenmampf

Sygorn war der Erste, der einen Drachen verspeiste. Über viele Jahre hinweg hatte das Ungetüm das Königreich Xanria geplagt. Sein Odem hatte Felder verbrannt, sein Flügelschlag Wälder entwurzelt, seine Krallen Jungfrauen geraubt. Bis in seinen Hort war Sygorn der Bestie nachgestiegen, nackt und mit nichts als einem Faustkeil bewaffnet. Ein ungleicher Kampf, über dessen genauen Hergang die Legende sich ausschweigt. Nach seinem Sieg hatte er im Blut des Drachen gebadet und seinen Körper verschlungen, Schuppe für Schuppe, Faser für Faser. Fortan war Sygorn gesegnet mit der Kraft des Drachen.

Goldenglanz und Juwelenschimmer hatte Sygorn im Hort des Drachen gefunden, doch der größte Schatz hatte verborgen unter überquellenden Truhen und rubingespickten Kelchen gelegen: ein schwefelgelbes Ei mit fleckiger Schale. Sygorn taufte das Drachenjunge auf den Namen seiner Mutter: Selinde.

Selinde hatte nie die eisenhaltige Luft eines Schlachtfeldes gewittert, und doch verwüstete ihr Feuer die halbe Welt. Die Männer der Tafelrunde nährten sich an ihrem Fleisch und dem Fleisch ihrer Kinder und Kindeskinder. Unter Sygorns Herrschaft wuchs das Königreich Xanria binnen weniger Jahrzehnte zu einer Weltmacht heran. Sygorn der Rote, Sygorn der Unsterbliche, Sygorn der Drachentöter, Sygorn der Friedensbringer. Frieden brachte er über die Welt, in Form von Feuer und Eisen. Die benachbarten Völker waren rasch unterjocht, versklavt, ausgelöscht. Keiner konnte dem Drachentöter und seinen Armeen standhalten.

Zweitausend Jahre lang war das Königreich Xanria unangefochtener Herrscher der Welt, die Hauptstand Gornstul das schlagende Herz derselben. Die Nachfahren Selindes hatten sich in der gesamten Welt ausgebreitet, ohne jemals ihre Flügel auszubreiten. Der Frieden von damals brannte ungehindert fort, bis er dann nach dem unverhofften Tod von Sygorn dem Fast-Unsterblichen – wie ihn seine Feinde im Nachhinein schimpfen sollten – erst so richtig ausbrach. Die Männer der Tafelrunde, berauscht vom Fleisch der Drachen, gingen im Streit auseinander. Hagan von Tul, Arktur von Avaloch, Eryk von Imural, Ywon von Darstul, Keol von Starn, Turstan von Solde und Parzefan von Paîs. Ein jeder von ihnen wusste besser als der Nächste, wie über die Welt und ihre Reichtümer zu gebieten war. Ein jeder von ihnen verdiente es mehr.

Mit jedem Tag brannte die Welt ein bisschen mehr, doch in den Straßen von Gornstul war es leicht, das auszublenden. Die Märkte im Schatten der großen Steinbauten lenkten den Blick geschickt auf ihre vielfältigen Waren, die hier in langen Auslagen hinter Vitrinen aus Glas ausgestellt waren: Handschuhe und Stiefel aus Drachenhaut, Gürtelschnallen aus poliertem Drachenbein, ausgehöhlte Hörner zum Trinken, Regenschirme aus Flügelmembran, potenzsteigernde Herztinktur und gemahlene Leber zur Behandlung einer Blasenentzündung, Anhänger aus Drachenkrallen und –zähnen für den kleinen Geldbeutel und alles nur Erdenkliche mehr.

Jenseits der Märkte wurden all diese Waren noch von umherziehenden Barden gepriesen, und in Form farbschillernder Plakate infizierten sie noch die Phantasie und verfolgten jeden Betrachter bis in seine Träume. Manche Plakate waren gewaltige Stickereien aus Tuch, die von den einstmals heiligen Türmen der Kathedralen herabhingen. Manche waren plump, andere kunstvoll. Ein Plakat zeigte einen blutbeschmierten Barbaren mit Dornenkrone, der das zwischen zwei Brotscheiben gequetschte Herz eines Drachen in Richtung des Betrachters hielt. Drachenmampf stand in glutroten Lettern darüber geschrieben, und in kleinerer Schrift darunter: jetzt probieren zum Vorzugspreis von drei Gorntalern!

Auf einem anderen Plakat war ein hünenhafter Kerl mit nichts als einem Lendenschurz bekleidet zu sehen, das lockige schwarze Haar wallend im unsichtbaren Wind. Zu seinen Füßen knieten zwei lechzende Frauen mit zerrissenen Kleidern, die eine blond, die andere rothaarig, die mit schneeweißen Händen über die ausgeprägte Bauchmuskulatur des Hünen tasteten. Daneben lag das abgetrennte Haupt eines Drachen mit heraushängender Zunge, die echsenhaften Züge im Tode zu einer grotesken Fratze verformt.

Und auf einem dritten Plakat war ein tapferer Ritter in Schürze zu sehen, der Stücke aus Drachennacken auf einem Rost anbriet:

Gemüse macht die Arme weich,

befähigt nicht zu Lieb‘ und Kampf,

drum brauchen wahre Helden Fleisch,

und essen stets bei Drachenmampf!

Es war nicht verwunderlich, dass die jungen Burschen von Gornstul aufgrund solcher Botschaften fleißig die zahlreichen Drachenmampf-Gaststuben aufsuchten, von denen es allein in dieser Stadt siebzehn an der Zahl gab. Einst vor langer Zeit, als Sygorn das erste Drachenei gebracht hatte, war das Fleisch dieser legendären Kreatur ein unvorstellbarer Luxus gewesen, der einzig und allein den Männern der Tafelrunde vorbehalten war. Dank des unermesslichen Wohlstands, den der Drachenkönig über die Welt gebracht hatte, konnte mittlerweile jeder der Brust entwöhnte Säugling zu Brei zerstampftes Drachenfleisch genießen.

Ein solcher Knabe war Mardyn. Mardyn träumte davon, ein Held zu sein. Ein Held, wie er sie auf den Plakaten immer bestaunt hatte. Ein Held, dem die Frauen zu Füßen lagen. Ein Held, der die Welt vor Unheil bewahrte und den Frieden sicherte. Seit er klein war, hatte ihn seine Großmutter immerzu gedrängt, seinen Teller aufzuessen: »Iss nur fleißig deine Wurst, Bub‘, damit du auch groß und stark wirst!«

Mardyn hatte seine Wurst immer brav gegessen, doch groß und stark war er nicht geworden. Also hatte er angefangen, noch mehr Wurst und Fleisch zu essen – Drachenblutaufschnitt, Echsenschwanzsuppe, Lindwurmleberwurst – aber auch das hatte nichts geholfen. Sein liebster Ort auf der Welt war die Drachenmampf-Gaststube in seinem Viertel, wo die vollbusige Tochter des Wirts ihm sein Drachenschnitzel brachte. Die schaute ihn immer mit großen Augen an, als sei er der einzige Mann auf der Welt. Insgeheim wusste Mardyn, dass sie keine Augen für all die anderen Gäste hatte, dass er ihr Liebling war, dass sie nur darauf wartete, dass er das Schwert ergriff und endlich seinen rechtmäßigen Platz als Held einnahm. Also aß Mardyn weiter. Zwar wurde er nicht groß und mächtig, aber zumindest war er nicht länger klein und schmächtig. Klein blieb er zwar, aber nicht schmächtig! Wenn er den Weg zur Drachenmampf-Gaststube, der etwa zweihundert Schritt von seinem Elternhaus entfernt lag, dann kam er mächtig außer Atem. Ein Zeichen dafür, wie sein Umfeld ihm versicherte, dass seine Muskeln im Wachstum waren.

Was ihm noch fehlte, um ein wahrer Held zu sein, war natürlich die passende Ausrüstung: ein Schwert, geschmiedet im Odem eines Drachen. Ein schuppenbelegter Schild. Eine Rüstung aus rußschwarzem Leder. All das kostete ein kleines Vermögen, weshalb sich der Sohn eines einfachen Tischlers bald darauf eine zusätzliche Beschäftigung suchte, der er nachts nachgehen konnte. Der größte Dienstherr von Gornstul war die Drachenmampf Gesellschaft, die neben dem Verkauf auch für die Produktion von Drachenfleisch und anderen Waren verantwortlich war, und so verwunderte es kaum, dass sich Mardyn rasch darauf in den Höhlen unter der Stadt wiederfand.

Drachen waren mächtige Kreaturen. Königsechsen, Herrscher der Welt. Mit ihren langen Hälsen und den riesigen Mäulern, ihren zehn Wagenspannen umfassenden Flügeln und ihrem Odem aus brennender Luft zählten sie zu den eindrucksvollsten Erscheinungen dieser Welt. Zahllose Exemplare hatte Mardyn gesehen: auf Plakaten und Gemälden, auf Buchumschlägen und als Stickmuster in Teppichen, als Statuen vor den prunkvollen Palästen der alten Tafelmänner. Doch mit diesen majestätischen Kreaturen hatten die Drachen unter Gornstul nichts mehr gemein. Es waren dürre, gebrechliche Wesen mit herabhängenden Köpfen, die viel zu groß für ihre schmächtigen Körper waren. Hier unten erblickten die Drachen das Licht der Welt, sprichwörtlich zumindest, denn die Sonne würde keiner von ihnen je zu Gesicht bekommen. Gleich nach dem Schlüpfen erhielten sie einen Maulkorb. Dann wurden sie in Ketten gelegt, ihre Flügel mit einer glühenden Schere zerschnitten; eine zusätzliche Sicherheitsmaßnahme, falls die Ketten einmal nachgeben würden. Über einen Schlauch, der in ihre verschlossenen Mäuler gestopft wurde, wurden sie gemästet. Nach einer gewissen Zeit, die in etwa einem siebenhunderttausendstel ihrer natürlichen Lebensspanne entsprach, wurden sie geschlachtet. Hier setzte Mardyns Arbeit ein.

Seine Arbeit war so stumpfsinnig, dass man sie ohne nachzudenken erledigen konnte. Ein Drache nach dem anderen wurde durch einen schmalen Tunnel getrieben, an dessen Ende er seinen Kopf in ein herabhängendes Gestell stecken musste. Dahinter stand Mardyn, und sobald der Kopf des Drachen fixiert war, stieß er mit seinem Speer zu. Manchmal, in Ausnahmefällen, starb der Drache gleich beim ersten Stoß. Meistens benötigte Mardyn mehrere Versuche. Ab und an wollte das Biest einfach nicht verrecken, dann wurde es halb bei Bewusstsein weitertransportiert. Ein Drache folgte dem anderen. Zwischendurch blieb Mardyn keine Zeit, zu verschnaufen. Was danach mit ihnen geschah, wusste Mardyn nur von den Erzählungen der anderen Arbeiter. Er lernte jemanden kennen, der für das Kehleaufschlitzen verantwortlich war. Ein anderer schnitt die Leber heraus. Und wieder ein anderer kroch in die untere Öffnung der Drachen hinein und holte dort etwaige Eier heraus, die das Untier noch nicht gelegt hatte.

Je länger Mardyn dort arbeitete, desto besser gefiel ihm sein Handwerk. Es war die Arbeit eines wahren Helden. Bald gelang es ihm, einen Drachen wirklich gezielt zu töten. Ein ermächtigendes Gefühl: er, Mardyn, Gebieter über Leben und Tod. Er fing an, die Drachen zu quälen. Ihnen zuerst die Auge auszustechen oder Zähne herauszubrechen. Besonders ihre Augen verachtete er, denn darin funkelte etwas Ängstliches, etwas Menschliches, das gar nicht zu diesen Kreaturen passte. Gerne hätte er mehr Zeit dafür gehabt, doch immer wartete bereits der nächste Drache schon auf ihn.

Als endlich der Tag gekommen war, an dem er sich ein Schwert leisten konnte, wehte ein Hauch von Schicksal über Gornstul hinweg. Man klopfte ihm auf die Schulter, lachte ihn aus und sagte: »Wahre Helden können wir derzeit gut gebrauchen.«

Die Armeen des Arktur von Avaloch waren gefährlich nahe an Gornstul herangerückt. Oder waren es die Heerscharen des Hagan von Tul? Es war schwer, in dieser Welt des Friedens den Überblick zu bewahren. Mardyn, der vom Kämpfen nichts wusste, fühlte sich beflügelt. Endlich war der Augenblick gekommen, auf den er ein Lebtag lang hin gefressen hatte. Endlich konnte er ein echter Held, ein echter Mann sein.

Junge Männer, die hinaus auf die Felder des Friedens geschickt wurden, gab es zur Genüge, aber wahre Helden, dessen war sich Mardyn sicher, waren selten. Er hatte Drachen getötet, einen nach dem anderen in schier endloser Aneinanderreihung, hatte sich ihr Blut von den Lippen geleckt, hatte ihre rohen Augäpfel gekostet oder ein Stück ihrer warmen, glitschigen Zungen herausgebissen. Mardyn der Held, Mardyn der Drachentöter, Mardyn der Unbelehrbare.

Mardyn starb wenige Augenblicke nach Eröffnung der Schlacht. Die bis an die Zähne bewaffneten Krieger des Arktur von Avaloch oder Hagan von Tul – selbst im Schlachtgetümmel, wo die Farben der Heldenhäuser verwaschen waren, wusste Mardyn nicht, gegen wen er da eigentlich kämpfte – zertrampelten ihn und tausend andere junge Männer mit der Inbrunst ungezügelter Drachen. Sie atmeten Feuer, sie ritten auf dem Sturm. Nach der Schlacht zerstampfte Parzefan von Paîs den Schädel seines besiegten Feindes. Seine Schlitzpupillen tasteten das Schlachtfeld ab. Die Leichen türmten sich übereinander, der Duft von Frieden und frisch geröstetem Fleisch lag in der Luft. Mit gespaltener Zunge leckte er sich über die Lippen und betrachtete das vor ihm ausgebreitete Festmahl.

Parzefan war der Erste, der einen Menschen verspeiste.