Felix Stockert

Sag nichts

»Unser Thema heute«, sagt Frau Ömcay mit einem herausfordernden Lächeln, »ist nichts.«

Die Schülerinnen und Schüler nehmen das mit der üblichen, demonstrativ zur Schau gestellten Gleichgültigkeit einer 9. Klasse zur Kenntnis. Ihre Erwartungen sind gesetzt: kurzer Lehrervortrag inklusive Arbeitsauftrag, wie immer eben. Doch was folgt, widerspricht all den festgefahrenen Routinen, die im Verlauf langer Schuljahre tagtäglich trainiert worden waren. Was folgt, ist: nichts. Frau Ömcay steht da und schaut durch die Klasse hindurch.

Erstes Gemurmel regt sich in den vorderen Reihen, leises Gelächter, bis Zeynep Ö. dann laut ausspricht, was alle denken: »Ja, wie, nix?«

»Geil, dann können wir ja nach Hause gehen«, ruft Quentin S. aus der vorletzten Reihe. Gelächter seiner Jungs, dann wieder Stille. Dann wieder diese ungekannte Stille. Als wäre jemand gestorben.

Paul B., der quer auf dem Stuhl neben Quentin sitzt, guckt mit gehobenen Brauen zwischen seiner Sitzreihe und Frau Ömcay hin und her. »Haben Sie heute nix vorbereitet, oder wie?«

Die Lehrerin, bemüht um ein ausdrucksloses Gesicht, deutet ein Schulterzucken nur an. Es ist eine vage Geste, ein Eingeständnis ihrer Machtlosigkeit.

»Ich glaube«, sagt Zeynep dann, »wir sollen einfach selbst darüber diskutieren. Also darüber, was nichts für uns bedeutet. Oder so.« Immer wieder schielt sie rückversichernd zu Frau Ömcay, die ihrem Blick nicht ausweicht, sondern ihn ohne jeden Anflug einer Miene einfach nur erträgt.

»Ja, nichts bedeutet nichts.« Sadia M. sitzt da und ringt um Worte, beißt sich auf die Lippen. »Man kann darüber gar nicht diskutieren.«

»Darum sagt Frau Ömcay auch nix«, schlussfolgert Leon G. und schaut voller Erwartung zur Lehrkraft. Doch die Bestätigung, auf die er aus ist, bleibt unausgesprochen.

»Ich hab’s gegoogelt«, meldet sich Quentin abermals zu Wort. Demonstrativ hält er sein Handy in Richtung der Lehrerin. Normalerweise verboten, aber heute gelten die Regeln nicht, wie er richtig erkannt hat. Dann wendet er sich der Klasse zu. »Nichts: Was im Leben wichtig ist. So ein Jugendbuch, lesen wir bestimmt jetzt.«

Endlich eine Reaktion des Gesamtkörpers Klasse 9c: ein gelangweiltes Stöhnen, Enttäuschung. Aber auch Zufriedenheit, das Rätsel irgendwie aufgelöst und damit zurück zur Gewohntheit gefunden zu haben.

»Frau Ömcay, warum dürfen wir eigentlich nie aussuchen, was wir lesen wollen?« Sophie H., irgendwo in der Mitte platziert, kritzelt während des Unterrichts immer vor sich hin. Nur sehr selten beteiligt sie sich mal mündlich.

»Sie haben doch gesagt«, wendet Zeynep verunsichert ein, »dass wir Lektüre erst nach den Ferien machen.«

»Ich würde lieber nichts lesen«, ulkt Quentin mit einem gekünstelten Lachen. Er ist der Erste, der Gefallen an dieser neuen Situation findet und fühlt sich wie ein Reptil, das endlich den einengenden Grenzen seines Terrariums entkrochen ist. Selbstgefällig legt er die Füße auf den Tisch und ergötzt sich an der Nicht-Reaktion seiner Lehrerin.

Ansonsten wieder angespanntes Schweigen, verwirrte Blicke, die keinen Halt im Raum finden. Dann Zeynep, die laut fragt: »Lesen wir das jetzt oder nicht?«

»Ich glaube nicht.«

»Von diesem Buch erwarte ich mir nichts.«

»Nichts interessiert mich mehr als dieses Buch!«

Diese und ein paar andere Wortwitze haut die Jungengruppe um Quentin heraus. Lukas G., Paul B. und Mithilan H. Auch sie tun es ihrem ungekrönten Anführer gleich und machen es sich bequem. Lukas reißt fleißig Seiten aus seinem Collegeblock, knüllt sie zusammen und wirft sie quer durch den Raum in Richtung Papierkorb. Drei hintereinander treffen, dann bricht ungehaltener Jubel aus.

»MVP! MVP! MVP!«, grölt die Gruppe im Chor und trommelt dabei mit den Handflächen auf den Kunststoffplatten ihrer mit Schmierereien verzierten Tische.

Die Verzweiflung und die Sehnsucht nach neuer Führung treibt die Klasse an, sich dem entfaltenden Chaos ebenfalls anzuschließen. Während Quentin und seine Jungs das Basketballspiel auf die Spitze treiben, indem sie den Papierkorb direkt neben Frau Ömcay auf dem Lehrerpult platzieren, bricht die restliche Klasse in laute Gespräche aus. Werfen sie anfangs noch immer rückversichernde Blicke in Richtung ihrer Lehrerin, so ist diese nach spätestens fünf Minuten vergessen. Hält sie anfangs noch die hintergründige Ahnung zurück, dass ihre neuerrungene Freiheit jenseits der Räumlichkeiten der 9c endet und jederzeit ein wutschnaubender Herr Schneider oder eine fassungslose Frau Siebendrach hereinplatzen kann, so verblasst jegliche Zurückhaltung im Laufe der Stunde.

Chaos, entfesselte Urgewalt in Form von pubertierendem Gelächter und fliegenden Papierknöllchen und TikTok-Videos im Hintergrund, und dazwischen Verlorenheit und die scheuen Blicke von Rehen im Scheinwerferlicht, die eine alles verschlingende Anarchie auf sich zurasen sehen.

Die Stunde nähert sich ihrem Ende. Der Zeitpunkt, an dem sich für gewöhnlich allgemeine Erleichterung breitmacht, an dem die Schülerinnen und Schüler mit Blick auf das weiße Zifferblatt der über dem Eingang angebrachten Uhr noch einmal durchatmen und sich sagen: fast geschafft. Davon heute keine Spur, stattdessen nur allmählich abflauende Gespräche, zwischen denen Quentin verkündet: »So, dann machen wir heute doch einfach mal ein bisschen früher Schluss, oder?«

Quentin und seine Jungs erheben sich, werfen sich ihre Adidas-, Puma- und Nike-Rücksäcke über die Schultern und schauen noch ein allerletztes Mal in Richtung der weiterhin zu einer Salzsäule erstarrten Frau Ömcay. Quentin kann den bevorstehenden Sieg schon auf seinen Lippen schmecken. Sein Herz pocht vor Aufregung, weil er weiß, dass dieser Sieg nicht mit dem Ende der Stunde verblassen wird. Nein, dieser Sieg wird die Zeit überdauern, weil er das Gleichgewicht der Kräfte ins Wanken gebracht hat. Weil er die Machtlosigkeit seiner Lehrerin – von allen Lehrern – enthüllt hat. Wenn sie jetzt nichts unternimmt, wenn sie jetzt nichts sagt …

»Ihr seid so bescheuert«, schnaubt es aus der letzten Reihe. Yussuf T. Er hat die ganze Stunde über geschwiegen. Wie immer. Hat in seinem Buch gelesen. Wie immer. Eigentlich wollte er auch jetzt nichts sagen, aber der Anblick dieser entfesselten Rasselbande mit ihrem selbsternannten Anführer ist einfach zu komisch. Alle starren ihn an, starren ihn so vorgetäuschter Gleichgültigkeit an, wie sie zu Beginn der Stunde ihre Lehrerin angestarrt haben, ihre schimmernden Augen voller Sehnsucht nach Auflösung.

»Ihr hattet die Freiheit, einmal zu tun was ihr wolltet«, sagte Yussuf. »Und was habt ihr getan? Das gleiche wie immer. Belangloses Zeug schwätzen und Blödsinn anstellen. Dafür habt ihr noch euer ganzes verdammtes Leben Zeit. Ihr denkt, diese Stunde wäre irgendetwas Besonderes? Nein, sie ist einfach nur die Welt, wie sie wirklich ist, in ihrer ungeschönten Wahrheit: bedeutungslos. Ihr hättet einmal, nur dieses eine verdammte Mal zuhören können.«

»Zuhören?«, fragt Sadia stirnrunzelnd. »Wem hätten wir denn zuhören sollen?«

»Der Stille. Aber davor habt ihr zuviel Angst. Euer endloses Geschwätz ist doch nur dazu gut, die Stille zu übertönen. Weil sie euch wahnsinnig macht, weil sie euch zur Weißglut treibt. Hättet ihr einfach mal alle den Mund gehalten und gelauscht, dann hättet ihr vielleicht erkannt, was nichts wirklich bedeutet: uneingeschränktes Potential. Ihr könnt damit anstellen, was ihr wollt. All eure Träume hineinlegen, eurem Leben einen Sinn geben. Weil nur ihr das könnt, sonst keiner. Keine Frau Ömcay, keine Bücher über das Nichts, und schon gar nicht ich. Die Stille hätte es euch vielleicht verraten, weil sie die einzige ist, die in euch selbst sprechen kann. Meine Worte sind nur Worte, nur bla, bla, bla …«

Alle schauen den schweigsamen Einzelgänger entgeistert an. Nur Quentin stößt ein leises Lachen an, blinzelt hektisch zu den anderen, doch niemand stimmt mit ein. Reglos stehen sie da und atmen die neuanklingenden Stille ein. Eine gefühlte Ewigkeit vergeht, denn das Ausharren im Schweigen enthüllt die Zeitlosigkeit der Zeit. Quentin und die anderen setzen sich wieder, senken die Köpfe, starren in die Leere. Bis die Stille vom Schulglockengeläut und dem kurz darauf einsetzenden Tumult der aus allen anderen Zimmern auf die Flure strömenden Schülerschaft zertrampelt wird.

Ohne Wort, ohne Geste öffnet Frau Ömcay die Tür, stellt sich an diese heran und verabschiedet jede Schülerin und jeden Schüler mit einem nichtssagenden Lächeln. Es ist ein sonderbarer Anblick, die stumme Masse 9c, die aus dem Klassenzimmer schlurft und schweigend im lauten Lebensstrom der Schule untergeht. Herr Schneider, Ledermappe unter dem Arm, bleibt mit neugierigem – nein: besorgtem Blick – bei Frau Ömcay stehen. Als das Klassenzimmer leer, die Flure leise sind, fragt er: »Ist was passiert?«

Und Frau Ömcay sagt: »Nichts.«