Fast hingebungsvoll zieht die Frau Mitte zwanzig ihren Bleistift über das Skizzenpapier, aber eben nur fast. Denn Hingabe braucht Zeit, die fehlt hier mitunter. Studium der Kunst, schon immer gezeichnet, irgendwie hier gelandet in einem Bürokomplex mitten in München. Die Streifen an den Seiten gewagt, aber die Werkstatt gibt das Okay. Zeichnen nach Auftrag, nach Vorgabe, nach den Wünschen der Macher und Lenker, kaum Raum noch für eigene Ideen.
Zum Abend stehen zwanzig Entwürfe, die Kollegen bessern nach, das Papier wird gerollt und per Kurier zur Zentrale gebracht.
Am nächsten Morgen das Meeting, vom Schreibtisch des Zeichners per Power-Point an die Wand geklatscht, Kopien für jede*n Anzugträger*in, darüber daneben darunter Statistiken über die neusten Trends, über likes und retweets, über exposion und inception. Das Flimmern des Beamers als Hintergrundrauschen. Und eine Frage, die alle bewegt: was trägt Silva? Und wie trägt Silva? Und wann trägt Silva und wo trägt Silva und …
Ergebnis: more air, less care. More of the same, but a different name. Don’t change the game, just do the same. Rinse and repeat.
Verkauft wird ohnehin längst kein Schuh mehr. Verkauft wird ein Gefühl von Freiheit, von Fortschritt, von Neuheit! Mehr grip als je zuvor! Mehr style, mehr flow, mehr wow! Der neue Advance Elite 7 YKM. Unser bester Schuh allerzeiten, versprochen, ungeflunkert und ungelogen.
Abgesegnet, Händeschütteln, Entwurf per Mail an die Zentrale, cc zurück an die Modellabteilung, you beautiful bastards, you did it again!
Durch Kupferkabel jagen die Signale bis nach China, der Herrenschuh von heute ist natürlich made in China. Aber nichtmal Made in China ist noch made in China. Made in China ist heute made in Ethiopia.
Dort sitzen sie in modernen Fabriken, nach den Konfektionen der Kolonialherren wird dort das bisschen Leder geschnitten, der Gestank unerträglich, die chemische Gerbung hallt nach. Zu hunderten schwitzen in langen Reihen vor Nähmaschinen die Näher, vor Stanzgeräten die Stanzer, vor Klebstofftrogen die Kleber. Unfreiwilliges Klebstoffschnüffeln, die Dämpfe (angeblich) gefährlich. Man weiß nichts genaues, angeblich. Es wird untersucht, angeblich. Siebentausend Paar am Tag, fast zwanzig Euro Stundenlohn. Cent. Eurocent. Weit über Mindestlohn.
Fertigteil um Fertigteil wird zusammengenäht und gestanzt, das Futter gestopft, das Plastik trocknet in Öfen unter Flachdächern unter der ätiopischen Sonne.
Wieder in München steht eins zu eins derselbe Schuh vor weißer Leinwand auf einem Podestklotz. Es ist tatsächlich derselbe, nicht der gleiche, nein derselbe. Derselbe Schuh, den keiner braucht und alle haben wollen, derselbe Schuhe, der schon bald abertausend Menschen zu indidivudellen Individuen macht.
»I Advance!«, sagt der Spieler im Trikot und tritt vor laufender Kamera und Greenscreen in die Leere. Das Stadion bei Nacht, der giftgrüne Rasen, die lichtergeflutete Tribüne und selbst der Ball werden digital nachgereicht, nicht mal das mehr noch echt. Digitale Bälle sind einfach runder als die Natur es je sein könnte. Berechnet auf tausend Nachkommastellen genau.
In Äthopien endlich fertig, Händeschütteln auch dort, die Vorarbeiter werden belohnt, das Ziel ist erreicht. Schmiergeld an der Grenze zu Dschibuti, einfach, unbürokratisch, von dort an den Hafen über den Golf von Aden und den Indischen Ozean und die Straße von Malakka (Malakas auf griechisch heißt Wichser) zurück nach China. Dort nur Verladung, dann nach Europa, made in China muss aus China kommen, DURCHFÜHRUNGSVERORDNUNG (EU) 2022/1337, als weiter auf anderen Frachtern nach Barcelona und Antwerpen und Hamburg, über die A9 wieder München. Aber nur ein Teil, der Rest in die Lager, von Braunschweig nach Halberstadt, von Leipzig nach Bad Lausick, von Nürnberg nach Ansbach und endlich in die Geschäfte.
In der Fußgängerzone von München steht nun ein staunender Junge vor einem riesigen Bildschirm, auf dem sein Idol wieder und wieder den virtuellen Ball übers virtuelle Spielfeld schickt.
»I Advance!«
Der Ball fliegt in gaußscher Kurve über einen quantengetrimmten Rasen hinweg, so schön schnittig, so voller Energie, landet im Netz dreht sich dort noch.
»I Advance!«
Der Schuh in der Auslage ist ebenfalls auf Hochglanz poliert, und die Neuronen des Jungen feuern von selbst. Mama, das will ich, Mama, das brauch ich, die Mama gibt nach, irgendwann, spätestens zu Weihnachten. Müde fährt sie heim, es ist schon wieder kalt geworden, kaum mehr zwanzig Grad, und das Mitte Dezember, sie muss noch Geschenke verpacken, Geschenke für die Liebsten, vorbei an einem großen Bürokomplex, wo noch zu später Stunde die Lichter brennen und eine unterforderte Zeichnerin an neuen Entwürfen sitzt.
Bernd Reifer nimmt Maß. Er sagt von sich selbst, dass er schon immer ein wenig esoterisch veranlagt war. Dem Kunden verrät er das nicht, aber er fühlt bereits den fertigen Schuh in seinen Händen, wenn er das Maßband nacheinander an Ballen-, Spann- und Hacke legt. Es wird kein Termin vereinbart. »Sie hören von mir.«
Ein Händedruck, ein freundlicher Abschied. Im Hintergrund klingelt ein Glöckchen, als der Kunde den Verkaufsraum verlässt. Dort stehen in Auslagen und Regalen zahlreiche Schuhe. Nicht maßgeschneidert, aber noch von Hand gefertigt. Bernd Reifer geht zurück in seine Werkstatt, wo die Magie ihren Lauf nimmt.
Es fängt mit dem Oberleder an. Bernd weiß, wo es herkommt. Mit Leder hat er sein Lebtag gearbeitet. Er liebt Leder, liebt das rauweiche Kribbeln auf seiner Handfläche und den Fingern, wenn er darüber streicht. Experimentiert jetzt mit Alternativen, seiner Tochter zuliebe. Sie lebt vegan, er selbst ist so irgendwie im Begriff es zu werden. Halbwegs. Mehr kann man von alten weißen Männern nicht verlangen, erklärt er scherzhaft über den Sonntagsbraten hinweg. Sie lächelt dann verschmitzt, aber mit den Augen spricht sie eine deutliche Drohung aus; nicht gut genug.
Den Maßen entsprechend schneidet er es zurecht, auch das Velourleder für das Ösenteil. Vieles macht er noch von Hand mit Messer und Feile, für manches benutzt er moderne Maschinen. Nach dem Schneiden schärft er die Ränder am Schleifgerät. Schon jetzt sieht er vor seinem geistigen Auge das Endergebnis seiner Arbeit, sieht eigentlich keinen Unterschied zwischen den einzelnen Lederscheibchen und dem fertigen Produkt. Er klebt einige Verstärkungen an entscheidenden Stellen auf, hämmert sanft dagegen.
Die fixierten Lederteile werden an den Rändern umgeschlagen, er fühlt jede Welle, jede Wölbung, jede Kante, fühlt das Übereinanderliegen der Schichten, fühlt die Dicke und Stärke und Trittfestigkeit des fertigen Schuhs schon auf seinen Fingern, lächelt, näht endlich zusammen, was die Mode streng geteilt. Der Schuh, so vielschichtig wie sein Handwerk selbst, hat bereits Formen angenommen. Noch ist er kaum mehr als ein Haufen zusammengestanzter Lederlappen, die man straffziehen muss, um die Schuhform deutlich zu machen. Aber Bernd Reifer ist auch erst am Anfang seiner Arbeit, und es ist bereits Abend.
Er lebt gut. Nicht bescheiden, nicht über seine Verhältnisse. Vieles machen sie selber. Hat nicht viel, arbeitet auch nicht viel. Arbeitet eigentlich gar nicht. Tut, was ihm gefällt. Bekommt, weil er es mittlerweile alles recht gut hinkriegt, auch ein wenig Geld dafür. Früher hat er Fertigschuhe repariert. Heute nimmt er sich Zeit. Zehn Stunden in der Woche unterrichtet er an einer Berufsschule. Hilft ab und an einem Zunftgenossen in dessen Werkstatt. Bezahlung: Geschenkkörbe und Essenseinladungen. Die Tochter hilft aus. Früh erwachsen geworden, aber hat nie aufgehört, Kind zu sein.
Am nächsten Tag fertigt er das Futter. Auch dieses will geschnitten werden, auch dieses will gesteppt und genäht und am Ende beschnitten werden. Es ist immer das gleiche, ein schier endloses Wiederholen einzelner Arbeitsschritte mit einzelnen Abweichungen, polarisieren und vergrößern. So wird ein Schuh draus.
Er tastet die oberen Ränder des Oberleders ab und stanzt bereits die Löcher und Ösen für die Schnüre. Bis dahin ist es noch ein langer Weg, aber Bernd Reifer hat Geduld. Er pfeift bei der Arbeit. Abends trinkt er Wein, ein Glas. Viel hat er in seinem Leben nicht gelernt. Schuhe anfertigen, das kann er. Mehr nicht. Es reicht ihm. Er weiß mehr über den menschlichen Fuß als die Herren und Frauen Doktoren. In den letzten Jahren hat er festgestellt, dass sie immer breiter werden. Der Spann wird höher.
Sein nächster Schritt ist das Schneiden der Sohle, wofür er sich einer seiner Leisten bedient. Diese Formstücke aus Holz stehen auf einem Regal im Hintergrund. Für einen perfekt maßgeschneiderten Schuh bräuchte es auch eine nach Maßen gefertigte Leiste, aber Bernd Reifer pfeift auf Perfektion. Handwerk heißt Vollkommenheit, nicht Perfektion. Perfektion ist Streben nach Gleichheit, Streben nach Befriedigung rastloser Geister, dem Ausmerzen jedes noch so unbedeutenden Fehlers. Vollkommenheit aber heißt in Einklang leben mit dem Fehlerteufel. Ihm keine Macht zu geben. Hinzunehmen, dass die Welt nun einmal krumm ist. Krumm und sonderbar, und durch keine Geistesleistung entgültig zu rationalisieren. Kleine Fehler tun gut, wusste schon Reinhard Mey. Weiß er noch immer, lebt ja noch, singt ja noch und schreibt noch Lieder.Maßgescheitert, nennt er seine Schuhe manchmal und lacht darüber.
Nach Anfertigung der Brandsohle erhält sie ein Stahlgelenk. Sie ist das Fundament eines Schuhs, sie gibt Halt und Stabilität, aber sie muss auch anpassungsfähig sein. Wie eine Feder. Mit Hammer und Meißel und Nägeln im Mund sitzt er auf seinem Hocker, der staubige Werkstatttisch wird von einer alten Lampe beschienen. Jetzt kann er nicht pfeifen. Er hämmert trotzdem Nagel um Nagel voller Geduld durch die Sohle und befestigt sie auf der Leiste.
Jetzt verbindet er Außenleder mit der besohlten Leiste, und nun kann sogar das ungeschulte Auge bereits einen Schuh erkennen. Wieder klebt und drückt er Verstärkungen an den passenden Stellen auf, gibt Kappen an der Ferse und dem Vorderteil hinzu, schneidet und zieht zurecht, glättet und zwickt.
Von oben betrachtet sieht der Schuh schon aus wie ein Schnuh, erst recht nachdem er ihn festgeschnürt hat. Doch die Unterseite ist noch immer offen, darunter ragt voller Nägel und Klammern und der häßlichen aber praktischen Schiene die Sohle hervor. Wieder greift er zur Kneifzange, wieder zwickt er und nagelt zusammen, schleift und glättet.
Das schöne am Handwerk ist, dass die Natur den Zeitplan diktiert. Während alles trocknet und sich zusammenzieht, schläft er und träumt von Italien. Am nächsten Morgen entfernt er die ersten Nägel, er weiß, welche er noch braucht und welche bereits ihren Zweck erfüllt haben.
Die Sohle ist noch immer keine Augenweide, und auch nicht sonderlich stabil, also gibt er eine Korkausballung hinzu. Diese muss er nicht schneiden, er bricht die überflüssigen Teile einfach ab, wobei ein hörbares Knackgeräusch entsteht, das er sichtlich genießt. Ein kleines Band aus Leder mit gezackten Rändern bildet den Rahmen, den er um das Schuhprofil herum anordnet und eindrückt. Den Rahmen näht er nicht fest, er verwendet Holznägel, weil ihm das besonderen Spaß bereitet. Dabei muss er natürlich darauf achten, dass sich die Nägel nicht im Laufe der Zeit hochdrücken. Kein Kunde mag Nägel im Schuh. Eine nachvollziehbare Einstellung.
Er ergänzt noch so einiges, hier ein Zwischenstück, dort die Laufsohle, am Ende der Absatz. Alles besteht wieder aus mehreren Schichten, alles wird wieder geklebt, wieder festgedrückt, wieder vernagelt, wieder sorgfältig passgenau geschnitten. Zum Ende seines Arbeitstages schleift er noch die Sohlen, dann lässt er ihn wieder eine Nacht lang in Ruhe. Gute Schuhe brauchen Zeit, sind teuer. Aber wer billig kauft, weiß Bernd, kauft doppelt. Oder vierfach. Vier Paar Schuhe pro Jahr, im Durchschnitt. Frauen natürlich mehr. Natürlich. Seine Schuhe halten lang. Ein Leben lang, wenn sie müssen.
Grinsend betritt er am nächsten Morgen die Werkstatt. Stolz steht der Schuh auf seiner Leiste. Die Holznägel in der Innensohle werden noch abgeklopft, nachdem er ihn von der Leiste entfernt hat, die Laufsohle wird noch eingearbeitet. Aber schon jetzt ist nach einer Woche Arbeit ist der Schuh endlich fertig. Nur gehören zu einem Paar eben immer zwei, denkt sich der Schuster lächelnd und schneidet schon das erste Stück Außenleder zurecht. Man müsse sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen, hat mal ein kluger Kopf gesagt.